Viel wurde bereits zu den Plakaten der “Freidenker” geschri
eben. Der folgende Text von Karin Scheiber, Dr. theol., aus St. Gallen der am 19. November im St. Galler Tagblatt veröffentlicht wurde, gehört zum Besten, was ich dazu gelesen habe.
«Da ist wahrscheinlich kein Gott.» Diese Aussage der Freidenker gibt sich wissenschaftlich-aufgeklärt und will den Glauben an Gott herausfordern. Manche Gläubige fühlen sich tatsächlich provoziert, wie die Verunstaltungen von Plakaten zeigen. So wurde mancherorts das «k» übermalt. Ist dies die angemessene christliche Antwort auf die Freidenker-Parole: «Da ist wahrscheinlich ein Gott»? Oder gar: «Da ist ein Gott»?
Das theologisch Problematische der Freidenker-Aussage ist nicht das «k», sondern liegt viel tiefer.
Bonhoeffers Satz
Der 1945 von den Nationalsozialisten ermordete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer bringt uns auf die richtige Spur mit seinem Satz «Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht». Damit behauptet er nicht, dass Gott nicht existiert. Auch nicht, dass Gott wahrscheinlich nicht existiert. Die Religionskritik dieses Satzes ist viel radikaler als jedes atheistische Bekenntnis im Stil der Freidenker-Plakate. Den Gott, den wir zu haben und zu kennen meinen, über den wir zu verfügen glauben, diesen Gott gibt es nicht. Psychologisch gesprochen ist er immer nur ein Produkt menschlichen Wunschdenkens, eine Illusion; theologisch gesprochen ein Götze. Darauf mit der Behauptung zu antworten, dass Gott nicht existiert oder wahrscheinlich nicht existiert, greift deshalb zu kurz, weil auch sie um nichts weniger ein Götze menschlichen Wunschdenkens ist.
Dies ist nicht nur an die Adresse der Freidenker zu sagen, sondern ebenso all jenen, die mit dem Filzstift in der Hand oder in Gedanken das «k» der Freidenker-Parole durchstreichen. Eine gelehrte, aber nicht weniger fruchtlose Variante dieses Unternehmens stellen die Versuche des britischen Religionsphilosophen Richard Swinburne dar, mittels der Unterscheidung verschiedener Arten von Evidenzen und einer komplizierten mathematischen Formel die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes, der Verbalinspiration der Schrift und der Auferstehung Jesu zu berechnen. Auch hier gilt: Was immer Gegenstand von Wahrscheinlichkeitsrechnungen sein kann, ist nicht Gott.
Jenseits aller Wahrscheinlichkeit
Wenn Gott existiert, dann nur als Gott, frei, unverfügbar unserem Wünschen, unserem Befehlen, unseren Wahrscheinlichkeitsrechnungen. «Da ist wahrscheinlich kein Gott» – den Gott, den die Freidenker hier im Blick haben, gibt es tatsächlich nicht. Aber dazu brauchen wir nicht die Freidenker, uns das zu erzählen. Der Gott, von dem die Bibel erzählt, führt Israel aus Ägypten ins gelobte Land und aus dem gelobten Land hinaus in die Verbannung, lässt sich anspucken und ans Kreuz schlagen. Diesen Gott haben wir «nie in der Tasche», das ist ein Gott, den wir überhaupt nicht «haben», sondern der sich immer wieder neu und überraschend und jenseits aller Wahrscheinlichkeitsüberlegungen in unser Leben hinein ereignet.








